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Vom Streben nach Glück - Ausstellung im Schiffshebewerk zeigt 200 Jahre Auswanderung von Westfalen nach Amerika

LWL-Industriemuseum Schiffshebewerk Henrichenburg

Am Hebewerk 26 in 45731 Waltrop      bis 4. November 2018     

mit Waltroper Lebensläufen!!!

Jeden ersten und dritten Sonntag des Monats: Freie Führung durch die Ausstellung. Die Führungen beginnen um 14:30 Uhr im Sonderausstellungsgebäude. Nur Museumseintritt.

"Hier lebt man besser als in Deutschland", berichtete 1830 der

Amerika-Auswanderer Peter Horn aus Pennsylvania in einem Brief an seine

Eltern. Wohlstand, Freiheit, Abenteuer - das waren die Hoffnungen, die über

300.000 Menschen aus Westfalen im 19. und 20. Jahrhundert dazu bewogen, in

den USA ein neues Leben zu beginnen. Die Ausstellung "Vom Streben nach

Glück", die der Landschaftsverband Westfalen von Donnerstag (15.2.) bis zum

  1. November in seinem Industriemuseum Schiffshebewerk Henrichenburg in

Waltrop präsentiert, beleuchtet die Ursachen, zeichnet Reisewege nach und

schildert die Biografien westfälischer Emigranten.

 Das Spektrum der über 100 Exponate reicht von Fotos und Postkarten über ein

Schiffsmodell bis hin zu persönlichen Gegenständen der Auswanderer. Das

Begleitprogramm umfasst einen genealogischen Workshop und Vorträge rund um

die Themen Auswanderung, Familienforschung und die USA.

 Waltroper Lebensläufe

 Im Schiffshebewerk Henrichenburg werden auch zwei Auswandererbiographien aus

Waltrop vorgestellt: die Geschichten von Carl Leppelmann und der Familie

Felling. Leppelmann war der Amtmann in Waltrop. Er erwarb sich einen

zweifelhaften Ruf, indem er Gelder unterschlug und nicht durch übermäßige

Gründlichkeit bei der Erledigung seiner städtischen Geschäfte glänzte. Im

Jahr 1863 hatten sich zu viele Eskapaden angesammelt. Leppelmann sollte zur

Rechenschaft gezogen werden, wofür er steckbrieflich gesucht wurde. Doch der

Waltroper kam seinen Häschern zuvor und setzte sich über den Atlantik ab -

samt der Stadtkasse, die 5.000 Taler enthielt. Mit seiner Familie gründete

er eine neue Existenz in den USA. Als Charles Leppelmann, einer

amerikanisierten Form des Vornamens, wurde er als Architekt tätig. Ob er je

eine Ausbildung dafür genoss, ist unbekannt. Ein Haus, das er als

Vereinsheim für einen deutschen Turnverein in St. Louis erbaute, wurde

später ein Kino.

 Wie viele Westfalen siedelte sich auch die Fellings im Mittleren Westen an.

Fast eine Million Deutsche fanden in den Staaten Wisconsin, Ohio, Iowa und

Minnesota eine neue Heimat. Johann Theodor Felling war der zweitgeborene

Sohn einer Bauernfamilie aus Oberwiese. Er hatte keine Chance, den

väterlichen Betrieb zu erben. Deshalb entschied er sich 1848, in die USA

überzusiedeln. Im gleichen Jahrzehnt wanderten 30 weitere Waltroper nach

Nordamerika aus. Die Nachfahren der Familie, die den gleichnamigen Bauernhof

in Oberwiese besessen haben, leben noch heute in den USA: Es gibt dort über

200 Träger des Namens "Felling". Tom Felling, der Urenkel von Theodor

Johann, machte sich 1992 auf die Suche nach den Ursprüngen seiner Familie.

Der in Minneapolis tätige Lehrer entdeckte im Gebetbuch seines Großonkels

Joseph den Eintrag "Oberwiese, Waltrop" und nahm Kontakt in die alte Heimat

auf. 2009 trug er sich in das Goldene Buch der Stadt Waltrop ein.

Fluchtursachen

Nicht nur wirtschaftliche Not, die vor allem in den ländlich geprägten

Regionen Westfalens der Hauptgrund für die Auswanderung war, trieb die

Menschen in die Ferne. Auch politische Gründe bewogen die Menschen dazu,

ihre Heimat in Deutschland zu verlassen. Das Streben nach politischer

Freiheit brachte nach der Niederschlagung der demokratischen Revolution in

Deutschland 1848/49 viele Aktivisten und Freidenker aus Westfalen in die

USA. Die Vereinigten Staaten galten damals als das Vorzeigeland der

Bürgerrechte, als Vorkämpfer für Freiheit und Gleichheit. Zu den Aktivisten,

die nach dem Scheitern der Revolution nach Amerika emigrierten, gehörten

unter anderem die Bürgerrechtlerin Mathilde Franziska Anneke aus

Hiddinghausen bei Hattingen (Ennepe-Ruhr-Kreis) oder der Maler Carl

Schlickum aus Hagen.

Agenten vermittelten den Ausreisewilligen die Schiffsfahrkarten für die

Überfahrt in die USA. Die Reise begann meist in den beiden großen deutschen

Auswandererhäfen in Bremerhaven und Hamburg. Das Modell eines

Auswandererschiffes aus dem Deutschen Technikmuseum in Berlin sowie

Postkarten und Werbeplakate der Reedereien zeigen in der Ausstellung, wie

diese Schiffe aussahen.

Die Deutschen in der Neuen Welt

Zu Beginn des Ersten Weltkrieges hatten über acht Millionen Menschen in

Nordamerika deutsche Vorfahren. Sie lebten als Farmer in den nördlichen

Staaten des Mittleren Westens, waren aktiv in der Kultur, in der Politik und

im Wirtschaftleben der Vereinigten Staaten. Vor allem der Bundestaat Indiana

mit seiner Hauptstadt Indianapolis wurde zu einem Zentrum deutschen Wirkens.

In Fort Wayne brauten und vertrieben die Dortmunder Berghoff-Brüder

"Dortmunder Beer". Clemens Vonnegut aus Münster brachte es mit einem

Haushalts- und Eisenwarenhandel in kurzer Zeit zu Reichtum. Und William

Edward Boeing, Sohn eines Einwanderers aus dem heutigen Hagen, gelang es

gar, einen Weltkonzern aufzubauen.

Neben Knowhow brachten die Deutschen auch das Vereinswesen mit in die neue

Heimat: In den meisten Städten des Mittleren Westens gab es Männerchöre und

Turnvereine, auch Karneval wurde gefeiert.

Mit dem Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg veränderte sich das

Verhältnis zwischen Amerikanern und Deutschen. "Die hoch geachteten und von

manchen auch beneideten deutschen Eliten gerieten in den USA stark unter

Druck. Viele ließen ihre Familiennamen amerikanisieren. Deutsche Zeitungen,

deutschsprachige Reklametafeln und deutsche Bräuche verschwanden binnen

weniger Wochen aus der Öffentlichkeit. Das war ein entscheidender

Einschnitt, von dem sich die deutsche Gemeinschaft kaum wieder erholen

konnte", verrät der Leiter des LWL-Industriemuseums Schiffshebewerk

Henrichenburg, Dr. Arnulf Siebeneicker.

Ein eigenes Kapitel widmet die Ausstellung dem Thema Vertreibung und

Verfolgung nach 1933. So wanderten über 120.000 deutsche Intellektuelle und

Juden nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten nach Amerika aus.

 Ein Thema für die Gegenwart

 Auch Diskussionen über zeitgenössische Entwicklungen kann der Blick in die

Geschichte der Amerika-Auswanderung anregen. "Die Parallelen zu aktuellen

Fragen von Migration und Integration sind in dieser Ausstellung

offensichtlich. Das LWL-Industriemuseum versteht sich dabei als Forum, in

dem gesellschaftlich relevante Themen zur Diskussion gestellt werden",

erklärt Direktor Dirk Zache. Zwar seien die Deutschen damals nicht vor einem

Bürgerkrieg geflohen, wohl aber aus einer hoffnungslosen Lebenssituation,

die ihnen weder Auskommen noch berufliche Perspektive in ihrer Heimat bot.

 

Vom Streben nach Glück. 200 Jahre Auswanderung aus Westfalen nach Amerika,

hrsg. vom LWL-Industriemuseum und Willi Kulke, Essen 2016 (Klartext Verlag),

164 Seiten, 14,95 Euro.

 

Begleitprogramm (Februar bis Oktober 2018)

 

Jeden ersten und dritten Sonntag des Monats: Freie Führung durch die

Ausstellung.

Die Führungen beginnen um 14:30 Uhr im Sonderausstellungsgebäude. Nur

Museumseintritt.

11.3.2018, 14 - 18 Uhr: Workshop "Familiengeschichtliche Datenbanken"

Die genealogisch-heraldische Arbeitsgemeinschaft Roland zu Dortmund e.V.

erklärt die Benutzung von Ahnendatenbanken und steht mit Rat und Tat zur

Seite. Nur Museumseintritt, um Wartezeiten zu vermeiden, wird um Anmeldung

gebeten: 02363 9707-0.

 

15.5.2018, 19 Uhr: Vortrag "Aus Westfalen nach Amerika. 200 Jahre

Auswanderungen"

Vortrag von Dietmar Osses, Museumsleiter des LWL-Industriemuseums Zeche

Hannover in Bochum, über Ursachen und Folgen der Amerika-Auswanderung.

Eintritt frei.

 

30.6.2018, 18 Uhr: ExtraSchicht

Über dem Schiffshebewerk zündet eine Feuer-Show, das BBQ-Team "Gourmonds"

veranstaltet ein Show-Grillen, und der Ufa-Film "Metropolis" wird mit

Live-Musik vorgeführt. Außerdem werden Dampferfahrten geboten.

Sondereintritt mit ExtraSchicht-Ticket.

 

3.7.2018, 19 Uhr: Vortrag "Onkel in Amerika? Auf den Spuren der eigenen

Vergangenheit"

Die genealogisch-heraldische Arbeitsgemeinschaft Roland zu Dortmund e.V.

verrät Tipps und Tricks für den Einstieg in die Ahnenforschung. Diese

Veranstaltung findet im Sonderausstellungsgebäude statt. Eintritt frei.

 

14.8.2018, 19 Uhr: Vortrag "Auswanderung von Waltrop nach Amerika"

Norbert Frey vom Waltroper Heimatmuseum stellt Bewohner Waltrops vor, die

ihr Glück in der Neuen Welt suchten. Eintritt frei.

 

18.9.2018, 19 Uhr: Vortrag "Wie das BBQ nach Waltrop kam"

Mathias Wagener vom LWL-Industriemuseum Schiffshebewerk Henrichenburg ist

zugleich Mitglied des Grillteams "Gourmonds". Er berichtet über die

amerikanische Grillkultur. Eintritt frei.

 

28.10.2018, 14 Uhr: Vortrag "Die Verwandtschaft von Western und

Science-Fiction"

Passend zum Star-Wars-Tag stellt Kurator Phillip Berg die enge Beziehung

zwischen zwei beliebten Filmgenres vor. Eintritt in Kostümierung frei, sonst

Museumseintritt.