SW-Ansicht

Dies & Das

Kinderarmut und Altersarmut im reichen Deutschland

Kinder-/Bildungsarmut – ihre Ursachen und Folgen bis ins Alter

Zusammenfassung des Vortrags von Klaus Harde zum Thema „Kinderarmut“ in der Sitzung des Kreisseniorenbeirates am 03.12.2018 im Kreishaus Recklinghausen

Vorgestellt von E. Holtkamp

Herr Harde erinnert zu Beginn an die Aktivitäten des Waltroper Seniorenbeirats, der gemeinsam mit dem Kinder- und Jugendparlament zahlreiche Aktivitäten zum Thema „Armut“ (als generationenübergreifendes Problem) durchgeführt hat. Aktuell werden diese Aktivitäten vom „Arbeitskreis Soziales“ speziell zum Thema „Kinderarmut“ fortgeführt.                                                 In seinem Vortrag beschreibt Herr Harde den Umfang und die Ursachen der Kinderarmut, stellt die engen Zusammenhänge zwischen Kinderarmut, Altersarmut, Gesundheit und Bildung dar und geht auf die pädagogischen und politischen Handlungsnotwendigkeiten ein.

Die Zahl der Hartz IV-Bezieher ist im Ruhrgebiet erschreckend hoch. Im Kreis Recklinghausen lebt inzwischen jedes 4. Kind in einer Hartz IV-Familie. Zahlreiche aktuelle Studien belegen, dass sich Kinder- und Bildungsarmut zunehmend verfestigt. Viele Kinder leben dauerhaft in Armutslage, aus denen sie ohne Unterstützung nicht herauskommen können. Demgegenüber steigt die Zahl der Vermögenden kontinuierlich, und diese Schere klafft immer weiter auseinander. Kinder- und Bildungsarmut trifft insbesondere die „bildungsfernen“, ärmeren Schichten“ der Bevölkerung. Sie wird inzwischen z.T. „vererbt“. Die Pisa-Studie im Jahr 2000 hat seinerzeit belegt, dass der Bildungserfolg in keinem Land so stark von der sozialen Herkunft (bzw. dem Status der Eltern) abhängt, wie in Deutschland. Ein Beamtenkind hat danach eine mehrfach höhere Chance, das Abitur zu erreichen als ein Arbeiterkind - trotz gleicher Intelligenz! Daran hat sich bis heute nur relativ wenig geändert. Die Gründe werden von den Bildungsforschern insbesondere in unserem dreigliedrigen, auslesenden Schulsystem gesehen. In fast allen anderen Ländern finden sich integrierte, gesamtschulähnliche Schulsysteme, die den Kindern Zeit für ihre Entwicklung lassen und den Weg zum Abitur lange offen halten. Statt „Auslese“ und Schulwechsel brauchen Kinder Förderung, Wertschätzung und Motivation.  Eine Studie von Ende 2017 belegt die hohe Selektivität unseres Schulsystems. Die Studie nimmt dabei insbesondere das soziale Umfeld (den Stadtteil) der Kinder in den Blick. Viele  intelligente Kinder aus benachteiligten Stadtteilen schaffen es danach nicht auf das Gymnasium. Aus den reicheren Stadtteilen wechseln oft über 80 % der Kinder nach der Grundschule auf das Gymnasium. Aus den ärmeren Stadtteilen sind es oft nur bis zu 20 %. Auch der aktuelle „Gesundheits- und Bildungsbericht“ für die Städte im Kreis RE belegt ähnlich große Unterschiede in der Übergangsquote für die armen und reichen Stadtteile in Recklinghausen. Bildungswissenschaftler warnen in diesem Zusammenhang davor, dass sich die „Milieus“ der Armen und der Reichen zunehmend auseinanderentwickeln. Arme Familien ziehen gezwungenermaßen dorthin, wo die Mieten billig sind. Die Folge: Arme wie reiche Bürger/Familien konzentrieren sich in unterschiedlichen Stadteilen. In den ärmeren Stadteilen ist nicht nur die Infrastruktur schlechter, dort sind auch die Schulen und KiTas schlechter ausgestattet. Steigende Mieten und eine kurzsichtige Wohnungsbaupolitik befördern eine solche „Ghettoisierung“. In Medienberichten wird dargestellt, dass die A 40 das Ruhrgebiet in die armen nördlichen und die reichen südlichen Stadtgebiete trennt und anhand der Postleitzahl vorausgesagt werden kann, welches Kind Abitur machen wird und welches nicht.  Kinder übernehmen die Denk- und Verhaltensweisen ihres Milieus, die guten wie die schlechten. In armen Milieus entwickeln sich die Denk- und Handlungsstrukturen der Kinder und Jugendlichen anders als in reichen Milieus. Arme Kinder beschäftigt der Gedanke, ob sie heute etwas zu essen bekommen, viel mehr als die Klassenarbeit in der nächsten Woche. Sie entwickeln nur kurzfristige „Überlebensstrategien“ und keine langfristig wirkenden Lebensperspektiven. Außerdem fehlen in den armen Milieus positive Vorbilder, und sie erhalten kaum Förderung durch die Eltern. Sie erfahren nicht, dass Anstrengung sich lohnt und langfristig zum Erfolg führt. Sie übernehmen das Gesellschaftsbild und das Demokratieverständnis ihres Milieus und lernen z.B. eher keine Strategien, um Konflikte gewaltfrei zu lösen. Die täglich erfahrenen Entbehrungen (im Vergleich zu den reicheren Kindern) frustrieren sie zusätzlich und fördern Unzufriedenheit und auch Aggression. Die so „geprägten“ Kinder haben kaum „Aufstiegschancen“. Ihr Lebensweg führt in aller Regel über einen niedrigen Schulabschluss, eine schlecht bezahlte Arbeit und eine viel zu geringe Rente in die Altersarmut. Dieser Kreislauf muss durchbrochen werden!

In den letzten Jahren gerät (zusätzlich zur Bildung) auch der Zusammenhang von Armut und Gesundheit verstärkt in den Blick. Auch der „Integrierte Gesundheits- und Bildungsbericht“ für die Städte im Kreis RE (von Ende 2017) enthält dazu detaillierte Aussagen und Argumente, die allen Grund zum Handeln in unseren Kommunen liefern! Verschiedene Studien kommen zu dem Ergebnis, dass sich insbesondere der Gesundheitszustand der Kinder aus ärmeren Verhältnissen erheblich verschlechtert. Das hängt wesentlich mit dem Gesundheitsbewusst-sein und damit auch wieder mit dem Bildungsstand der Eltern zusammen. Hinzu kommt, dass gesunde Lebensmittel oft teuer sind. Die Kinder, die in Armut und in ärmeren Stadtteilen aufwachsen, haben in der Folge eine um mehrere Jahre geringere Lebenserwartung. Als Differenz gegenüber reichen Menschen und reichen Stadtteilen werden z.T. 9 bis 11 Jahre genannt!

Fazit: Wer arm ist, lebt oft in einem ungünstigen Wohnumfeld, hat schlechtere Bildungs- u. Berufsperspektiven, zusätzliche gesundheitliche Beeinträchtigungen und zudem eine um mehrere Jahre geringere Lebenserwartung. 

Als Erkenntnis und Konsequenz aus den verschiedenen Studien werden u.a. folgende Lösungen genannt:  Eine bessere „soziale Durchmischung“ von Armen und Reichen (in den Stadtteilen und in den Bildungseinrichtungen) und das Lernen voneinander, integrierte Schulformen (die den Bildungsweg bis hin zu einem bestmöglichen Schulabschluss lange offen halten), keine frühe Aufteilung auf die SI-Schulen, intensivere Frühförderung und Beratung der Eltern, mehr qualitativ gute Ganztagseinrichtungen (Kitas und Schulen), intensivere Förderung von Migrantenkindern, wesentlich bessere personelle und finanzielle Ausstattung (insbes. der Kitas und Schulen mit „schwierigeren“ Kindern / Stichwort „Sozialindex“), Sozialarbeiter an jeder Schule, kostenlose Bildung und kostenloses gesundes Essen, Kindergrundsicherung statt „Bildung und Teilhabe“ (= „Bürokratiemonster“), positives Schulklima mit stabilen Kollegien und Bezugspersonen, mehr soziales Lernen und Projektunterricht usw.

 Alle diese Fakten und Erkenntnisse liegen auch den Politikern schwarz auf weiß vor, und das seit Jahren. Immer wieder wird „beschworen“, dass „Kinder unsere Zukunft sind“, kein Kind zurückgelassen werden darf und mehr in Bildung investiert werden muss – und dann passiert so gut wie nichts. Stattdessen werden sogar kontraproduktive Beschlüsse gefasst, die vorrangig der eigenen Wählerschaft dienen. So profitieren z.B. von höherem Kindergeld, Baukindergeld und Kinderfreibeträgen nur wieder die bereits reichen Bevölkerungsschichten. Bei Hartz IV-Beziehern werden solche „Geldgeschenke“ auf ihre Bezüge angerechnet. Sie haben  davon keinen Cent mehr! Das vergrößert die Kluft zwischen Arm und Reich. Die gravierenden Folgen für das Leben der ärmeren Menschen und auch die Gefahren für unsere gesellschaftlichen Werte und unsere demokratische Grundordnung (die ja gerade auf dem gerechten Ausgleich zwischen allen Menschen, armen und reichen, starken und schwachen beruht !) werden von „der Politik“ nicht wahrgenommen. Die bereits „spürbaren“ Folgen, die zunehmende Kluft und Polarisierung sowie die Brisanz der Problematik erfordern konsequentes und weitsichtiges Handeln! 

Die Seniorenbeiräte in den einzelnen Kommunen sollten die Armutsproblematik mit all diesen Zusammenhängen aufgreifen und sich gemeinsam mit anderen sozialen Kräften für mehr soziale Gerechtigkeit und Solidarität (von der Kindheit bis ins Alter) und damit gleichzeitig für die Stärkung unserer Demokratie einsetzen!