SW-Ansicht

Dies & Das

Die Lage der Psychiatrie in Deutschland

Bernd Thomaßen / Eugen Holtkamp

Im Auftrag des Bundestags erstellte vor 45 Jahren eine Sachverständigenkommission einen Bericht über die Lage der Psychiatrie in der BRD, beklagte katastrophale Zustände und gab u. a. folgende Empfehlungen:

  • Förderung von Beratungsdiensten und Selbsthilfegruppen
  • Gemeindenahe Versorgung
  • Umstrukturierung der großen psychiatrischen Krankenhäuser

Ein Betroffener, Bernd Thomaßen, der in Waltrop die Selbsthilfegruppe „Faultier“ gegründet hat, die regelmäßig im Büro der Grünen tagt, legt neben den politischen Parteien und der Lokalzeitung auch der Waltroper Seniorenzeitung seine Stellungnahme zu den Ergebnissen der Psychiatriereform vor, die auch für die Senioren wichtig ist.

Bernd Thomaßen schreibt uns dazu:

Selbsthilfe – überflüssig oder nütze?

Ach ne, mag manche/r LeserIn denken, wir haben schon genug Probleme: Migrationsproblem, Umweltschutzproblem, Extremismus-Problem, nun die Corona-Krise – was sollen wir uns noch mit der Psychiatrie befassen? Und überhaupt: Werden die Betroffenen nicht ärztlich und betreuerisch versorgt? Bekommen ihre Medikamente? Nutzen z.B. Freizeitangebote der Caritas und Diakonie?

Tatsächlich sind die Hilfsangebote außerhalb der Kliniken expandiert. Dennoch halten wir Selbsthilfe-Gruppenarbeit für sinnvoll:

  1. Die Erfahrung nicht allein zu sein mit dem Krankheitsproblem
  2. Wahrnehmen, wie andere in der Gruppe mit ihrer Situation umgehen
  3. Gleichberechtigte Teilnahme, ohne Gruppenleitung
  4. Die Krankengeschichte als Teil einer Lebensgeschichte betrachten.

Davon ausgehend können Perspektiven und ein gangbarer Weg durch den Alltag 2020 entwickelt werden.

Selbsthilfe wirkt nicht im gesellschaftlichen Vakuum, sondern im gesellschaftlichen Zusammenhang, daher im Folgenden eine skizzenmäßige Betrachtung:

Im Waltroper Krankenhaus St. Laurentius sind 1979 psychiatrische Abteilungen eingerichtet worden. Diese ortsnahe Versorgung von seelisch Kranken war auch Frucht einer breiten, politischen Diskussion über die desolate Lage der Psychiatrie (Psychiatrie-Reform 1975).

Von dem Zeitpunkt der Einrichtung von Gemeinde-Psychiatrien wurden Patient(inn)en in fern gelegene Landeskrankenhäuser verbracht, z.B. nach Münster und Lengerich.

Heute ist das St. Laurentius-Krankenhaus für die psychiatrische Versorgung von etwa 90 000 Einwohnern zuständig (Datteln, Erkenschwick, Waltrop). Nach unserer Schätzung werden jährlich etwa 700 Menschen in der geschlossenen und offenen Abteilung behandelt. Außerhalb der Klinik existieren psychiatrische, neurologische sowie psychologische Arztpraxen. seit einigen Jahren ergänzen Betreuungen (BGB) und Pflegedienste) den außer-stationären Bereich.

Wohlfahrts-Institutionen wie Caritas und Diakonie, Paritätisches Netzwerk z.B. bleiben bemüht, Zusammenkünfte und Freizeitangebote zu organisieren.

Obwohl also die Hilfe- Angebote ´draußen´ zahlreicher geworden sind, beklagen viele Psychiatrie-Betroffene die Anwendung von hohen Dosen Psychopharmaka. Auch das ´Verbringen´ auf eine geschlossene Abteilung und das Fesseln ans Bett gehören weiterhin zum kritikwürdigen Behandlungsstandard.

Nicht erstaunlich ist es daher, wenn Menschen diesen rigiden Maßnahmen gegenüber mit Misstrauen reagieren. Die Psychiatrie als wissenschaftliche Disziplin sieht den Schwerpunkt von (psychischen) Krankheitsursachen im Individuum, im Organismus der Einzelnen und versucht etwa – punktgenau -, ´fehlerhafte Störungen´ im Hirnstoffwechsel zu beheben. Dieser Trend zum Biologismus wird heute ergänzt mit neuro-chirurgischen Eingriffsmöglichkeiten (auch Elektroschocks) und dokumentiert so eine Technikfreudigkeit, die die Lebensverhältnisse der Betroffenen nicht in den Blick nimmt.

Psychisches Abweichen von der Normalität, wie Depression, Psychose, Burnout z.B. wurzeln unserer Meinung nach in problematischen sozialen Verhältnissen

Arbeitslosigkeit, Beziehungsstörungen, Ängste sind der Humus des ´Abdriftens´.

Die Art und Weise der Kommunikation spielt hierbei eine Schlüsselrolle, denn wenn, wie behauptet, der Ton im gesellschaftlichen Miteinander rauer und roher geworden ist, dazu schnell Schubladen-Denke (auch diagnostische Einsortierung!) hervorgekehrt wird, begibt man sich der Möglichkeit, menschliches Verhalten im sozialen Kontext nachzuvollziehen.

Deshalb begrüßen wir praktisch bewährte Alternativen zum psychiatrischen Bereich wie selbstverwaltete Krisenzimmer  (z.B. in Bochum), Soteria-Häuser. u.a., weil diese Genesung ohne Zwang möglich machen.

Allein die steigende Anzahl der als psychisch krank Diagnostizierten sollte Anlass sein, dass die politischen Parteien ihre gesundheitspolitische Verantwortung nicht an den LWL oder an die Fachärzte delegieren, sondern Gesundheit, Lebensqualität vor angeblichen Alternativlosigkeiten stellen.

Wir sehen in einem ent-tabuisierten, öffentlichen Diskurs eine Chance, Verbesserungen zu erreichen.