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Neue Räume für Erinnerungskultur in Waltrop: Holocaust-Gedenken wird aufgewertet und verstetigt

Uwe Paczkowski

02.02.2021 Stadt Waltrop - Aktuelles

Die für den 27. Januar 2021 geplante Holocaust-Gedenkfeier ist wegen der Corona-Pandemie vorerst verschoben worden. Das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus wird aber derzeit in Waltrop auch unabhängig vom internationalen Holocaust-Gedenktag verstetigt. Ein Arbeitskreis mit dem Auftrag, dem Gedenken an die Menschen, die im Dritten Reich verfolgt und ermordet wurden, dauerhaft mehr Raum zu geben, liefert schnelle Ergebnisse. Zu den Projekten zählen eine Aufwertung des jüdischen Friedhofs als Gedenkstätte und die Installation von „Stolpersteinen“ zur Erinnerung an Waltroper Opfer im Stadtgebiet.

Seit vielen Jahren gibt es in Waltrop am 27. Januar seitens der Stadt, der Schulen und der Volkshochschule Aktionen zum Gedenken an die Holocaust-Opfer. An diesem Tag wird seit 1996 deutschlandweit und auch international der Holocaust-Gedenktag begangen. Aus diesem Anlass finden alljährlich Veranstaltungen gegen Rassismus, Antisemitismus und Rechtsradikalismus an wechselnden Orten in Waltrop statt. 2021 konnte es aufgrund der Corona-Pandemie-Situation keine Gedenkveranstaltungen geben.

Es tut sich derzeit in Waltrop trotzdem einiges in Sachen Erinnerungskultur gegen das Vergessen – und zwar dauerhaft. Bereits im vergangenen Jahr hatte der Stadtrat Volkshochschule (VHS), Kulturbüro und Heimatverein beauftragt, das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus in Waltrop zu verstetigen und aufzuwerten. Bei einer Gesprächsrunde mit Akteuren aus Politik, Bildung, Geschichtswissenschaft und Kultur entstand schlussendlich ein Aktionskreis aus engagierten Bürgerinnen und Bürgern sowie Vertreterinnen und Vertretern von Volkshochschule, Kulturbüro und Heimatverein. Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner der Schulen wurden hinzugebeten.

Trotz der derzeit allgegenwärtigen Kontakteinschränkungen fand man Wege zur Zusammenarbeit und entwickelte Ideen und Vorschläge, wie das Gedenken an die Opfer würdiger gestaltet und damit auch in den Köpfen der Menschen präsenter werden kann. Die ersten Zwischen-Ergebnisse des Arbeitskreises präsentierte VHS-Leiter M. Clemens Schmale in einer Video-Botschaft im Rahmen der Sitzung des städtischen Haupt- und Finanzausschusses in der vergangenen Woche den Ratsmitgliedern (>>> Zum Video auf YouTube).

Der jüdische Friedhof an der Hilberstraße soll künftig als Ort des Gedenkens aufgewertet werden. „Viele Waltroperinnen und Waltroper wissen gar nicht, dass es den Friedhof gibt oder wo er zu finden ist. Nur einmal im Jahr versammeln sich dort Vertreter von Stadt, Kirchen und Parteien, um an die Opfer der Novemberprogrome von 1938 zu erinnern (am 9. November, d. Red.). Wir wollen hier einen Ort des Gedenkens schaffen, der die Verfolgung der jüdischen Familien aus Waltrop ständig in den Blick rückt“ berichtet Schmale.

„Trotz gewisser Vorbehalte seitens des Heimatvereines schlagen wir außerdem vor, die Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig zu verlegen und so einen Gedenkweg in der Innenstadt zu schaffen.“ An jedes Waltroper Opfer soll mit Namen, Daten und Todesort auf einem gravierten Stein erinnert werden. Die Steine sollen vor ihren ehemaligen Wohnorten ins Pflaster eingelassen werden. „Auch Informationen über QR-Codes sind denkbar. Wir arbeiten weiter mit dem Heimatverein, dem Kulturbüro und den Schulen zusammen, um unserem gemeinsamen Auftrag gerecht zu werden, dem Gedenken an den Holocaust mehr Raum zu schaffen“ so Schmale weiter.

Im Ausschuss, der am 27. Januar tagte, wurden die Vorschläge dankend aufgenommen. Es gab, dem Anlass gemäß, eine Gedenkminute. Die städtische Veranstaltung zum Holocaust-Gedenktag 2021 soll übrigens – sofern das im Rahmen des Pandemie-Geschehens möglich ist – am 11. Mai in der Gesamtschule nachgeholt werden.


>>> ZUR VIDEO-BOTSCHAFT VON CLEMENS SCHMALE (auf YouTube)

 

INFO: HOLOCAUST GEDENKTAG
Der 27. Januar ist Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. Der Tag des Gedenkens wurde 1996 von Bundespräsident Roman Herzog eingeführt. Er dient der Erinnerung an die Opfer der Nazi-Diktatur, zu denen unter anderem Juden, Christen, Menschen mit Behinderung, Homosexuelle sowie politisch Andersdenkende gehörten. Der Holocaust-Gedenktag soll mahnen, wohin Extremismus, Nationalismus und Totalitarismus führen können. Wir gedenken der Vergangenheit, aber schauen auch in Gegenwart und Zukunft.


Auf dem Bild: VHS-Leiter M. Clemens Schmale bei der Aufzeichnung der Videobotschaft auf dem jüdischen Friedhof in Waltrop (Foto: Stadt Waltrop).  

https://www.waltrop.de/Inhalte/Ueber_Waltrop/aktuelles.asp?form=detail&db=308&id=2136

 

Zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus

Eugen Holtkamp

Aufgrund der Corona-Pandemie fällt leider auch die alljährliche Gedenkveranstaltung zum Holocaust-Gedenktag in Waltrop am 27. Januar aus.

Aber die Opfer des Naziregimes und die früheren jüdischen Mitbürger sind nicht vergessen. Der Rat hat in seiner Sitzung vom 18.6.2020  einstimmig beschlossen, dass das Kulturbüro, der Heimatverein und die VHS einen Vorschlag erarbeiten sollen, welche Gedenkform in Waltrop für die jüdischen Mitbürger*innen sinnvoll ist. 

 Es ist  wichtig, dass nicht ein weiterer Gedenkstein (wie am alten Friedhof) aufgestellt wird, sondern an das Schicksal der einzelnen  jüdischen Familien erinnert wird, konkret dort, wo sie bei uns in Waltrop  gewohnt haben.

 Auf der Homepage des Seniorenbeirats stand vor einiger Zeit ein Artikel "Zum Gedenken an die Waltroper jüdischen Mitbürger*innen".

Diesen Artikel habe ich zu diesem Gedenktag nach vorne platziert, um über die Namen der Familien (Rosenthal, Baum, Spanier, Rosenblum) und ihr Schicksal zu informieren.

 

 

Zum Gedenken an die Waltroper jüdischen Mitbürger*innen

Eva und Eugen Holtkamp

1932  lebte in Waltrop nur eine winzige Minderheit von jüdischen Familien, nur noch 5 Haushalte mit 18 Personen. 1939 ist im Einwohnerbuch  kein Jude mehr verzeichnet. Über das Schicksal von 4 jüdischen Familien soll hier berichtet werden:

 

  • Louis und Ida Spanier, ein Ehepaar mit einem Sohn und Schwägerin Bertha Rosenthal hatten ein Textilwaren-Geschäft Ecke Hochstraße/Schützenstraße. Sie waren 1938 die letzten Juden in Waltrop.  In der  Pogrom-Nacht  /10. November 1938 wurden sie überfallen, misshandelt und in „Schutzhaft“ genommen, mit der Auflage entlassen, Waltrop zu verlassen. Das Haus musste verkauft werden. Louis zog nach Dortmund und  ist kurze Zeit später verstorben. Sein Sohn  Eduard konnte 1941 nach New York entkommen.   Bertha Rosenthal kam bei ihrer Schwester in Hannover unter. Sie wurden beide später nach Auschwitz deportiert und kamen dort ums Leben.
  • Josef Rosenthal und danach sein Sohn Wilhelm waren Besitzer des erstklassigen Textil-Kaufhauses an der Kreuzung Dortmunder Str./Am Moselbach (später Sebbel).  Die Familie mit Frau Mita und Sohn  Wilhelm  war hochangesehen und sehr sozial eingestellt. Willi war Kriegsheld des 1. Weltkriegs, aktiver Sportler,  Sponsor und 2. Vorsitzender des VfB. 1935 /1938 erfolgte die Geschäftsübergabe zum Schleuderpreis an Sebbel und die Ausreise der Familie  nach Holland, für die sie 46000 RM Reichsfluchtsteuer bezahlen mussten. Willi  starb nach 1945 an den Entbehrungen des Versteckens, ähnlich wie Anne Franks Schicksal.  
  • Kaufhaus Stern und Baum, Jakob (+1938) und Martha Baum mit 3 Söhnen Werner, Helmut, Günter -Rösterstraße2 (später Bonhoff), 1936 zwangsversteigert. Den Söhnen gelang es 1939, nach Dänemark/Schweden   Israel zu entkommen. Die Mutter verzog 1938 nach Dortmund zu ihrer Schwester und ist 1942    mit einem Sammeltransport nach Polen in ein Vernichtungslager gebracht worden.        Foto
  • Der polnischer Dentist Leo Rosenblum und seine Frau, Dortmunder Straße 54, fielen einer verleumderischen Hetzkampagne zum Opfer. 1933  ist Rosenblum  nach Dortmund verzogen und dort  1939 verhaftet und 1942 in Bernburg vergast worden. Seine Ehefrau Bertha kam 1943 im KZ Auschwitz um. Sein Haus wurde 1940 von der Gestapo beschlagnahmt und unter Wert an die Schwester des Dentisten Paul Neck verkauft.  

 Quellen: Reinhard Jäkel, Heinz Rippert, Karl-Heinz Schomberg, Eva Holtkamp und zahlreiche Zeitungsartikel und Texte sowie Heimatbücher Waltrop (Norbert Frey), Gedenkbuch für die Toten des Pogroms 1938 (Waltrop: Louis Spanier), 2019

https://youtu.be/2ppCemlvRzk               Gedenken an die Pogromnacht in Lünen

 

 Ich habe die jüdischen Gräber auf dem neuen Kommunalfriedhof besucht und der Menschen gedacht, die von geachteten Waltroper Bürgern zu Verfemten  wurden.